Vortrag der Marktbreiter Museumsleiterin für die Schüler der privaten Realschulen Marktbreit über das jüdische Leben am Ort

Mit über 15 Stolpersteinen, einer Namenstafel an der Außenwand der ehemaligen Synagoge, der „Susi-Lauber-Straße“ in der Siedlung „Ohrenberg“ sowie mit dem Koffer-DenkOrt in der Bahnhofstraße gedenkt die Stadt Marktbreit ihrer jüdischen Mitbürger, die von hier deportiert und in der NS-Zeit ermordet wurden.

Aber die Geschichte des Judentums in Marktbreit ist weitaus mehr als die Geschichte seiner Vernichtung durch den Nationalsozialismus. Davon konnten sich die 8. und 9. Klassen der privaten Realschulen Marktbreit bei einem multimedialen Vortrag der Leiterin des Marktbreiter Museums Malerwinkelhaus, Dr. Simone Michel-von Dungern überzeugen. Die Veranstaltung fand im Lagerhaus Marktbreit statt, das die Stadt freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Im Fokus des Vortrags stand das jüdische Leben in Marktbreit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Vorabend der Deportationen. 1885 waren von den damals 2.474 Einwohnern etwa 68 % Protestanten (1.689 Einwohner), 18 % Katholiken (463 Einwohner) und 13 % Mitbürger jüdischen Glaubens (322 Einwohner).

Das Verhältnis zwischen den Konfessionen funktionierte weitgehend konfliktfrei in allen Lebensbereichen. Man respektierte sich gegenseitig, arbeitete zusammen, wo es nötig war, und beging manche Feierlichkeiten auch gemeinsam, wie z. B. im Juni 1886 den Trauergottesdienst für König Ludwig II. in der Synagoge. Christliche Dienstmädchen arbeiteten ganz normal bei jüdischen Familien. Hochwertige Kleidung kaufte man in Marktbreit selbstverständlich in einem der sieben jüdischen Textilgeschäfte.

Jüdisches Leben war in den Marktbreiter Alltag integriert, sei es beim Bäcker, sei es beim Metzger. Auf die besonderen jüdischen Speisevorschriften wurde vielfach Rücksicht genommen. Die örtlichen Bäckereien boten koschere Backwaren an und bei den Metzgern gab es separate Hackstöcke, um der jüdischen Kundschaft absolut koscheres Fleisch zu garantieren.

Mit zahlreichen, in den Vortrag integrierten Zeitzeugenaussagen illustrierte Dr. Michel-von Dungern ihre Ausführungen zum jüdischen Alltag in Marktbreit: von der Geburt über alle Lebensabschnitte bis hin zu den Ritualen bei Tod und Begräbnis. Dass neuverheiratete Frauen ihre Haare abschnitten und Perücken trugen, war für die meisten der über 90 Schüler neu – und auch etwas seltsam.

Aber mit dem frühen Aufstieg des Nationalsozialismus in Marktbreit sollte sich das bald ändern. Bereits Anfang der 1920er Jahre zogen mit Otto Hellmuth und später mit der Deutsch-Mexikanerin Andrea Ellendt in der fränkischen Kleinstadt dunkle („braune“) Wolken auf, die das Leben der jüdischen Mitmenschen zunehmend verdüsterten. Beeindruckt waren die jungen Zuhörer besonders von den antisemitischen Vorgängen an ihrer eigenen Schule, die heute eine „Schule mit Courage und gegen Rassismus“ ist. So berichtete Fritz Goldbach (1919-2013), Sohn eines Marktbreiter Stadtrats, der von 1929 bis 1933 die Private Real- und Handelsschule Marktbreit besuchte, davon, wie ein Mitschüler, Sohn eines NS-Funktionärs, ihn mit dem Messer bedroht habe. Kurz darauf wurde Goldbach erneut zum Mobbing-Opfer, wie er sich in einem 1998 aufgezeichneten Interview, erinnerte: „Wenige Wochen nach diesem Zwischenfall formten an einem kalten verschneiten Wintertag etwa zwanzig meiner Mitschüler in der 10‐Uhr‐Pause Schneebälle mit Steinen im Inneren und warfen sie nach mir. Das war genug! Ich lief weinend nach Hause und versicherte meinen Eltern, niemals mehr wieder dahin zurückzugehen.“

Schon bald sollte das jüdische Leben in Marktbreit gänzlich zu Ende sein. Einen Tag nach der Kristallnacht kam es am 10. November 1938 auch hier zum Pogrom. Mit Deportationen nach Izbica in Polen und später nach Theresienstadt erlosch es im März 1942 endgültig.

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